Wann ist Gewalt Gewalt? Gedanken zum Kirchen-Gutachten. Und darüber hinaus

Gewalt gegen Kinder, zum Gutachten der katholischen Kirche

Das endlich veröffentlichte Gutachten der katholischen Kirche über die Missbrauchsvorwürfe nutzt Thomas Fischer in seiner Spiegel-Kolumne für ein Plädoyer gegen die Empörung. Und gegen die Ausweitung der rechtlichen Definition von Gewalt. Ist das berechtigt? Oder gar selbst empörenswert? Schauen wir kurz genauer hin

Das Gutachten sagt aus, dass zwischen 1975 und 2018 insgesamt 314 junge Menschen verschiedene Formen von Missbrauch erlebt haben. In vielen Medien ist von „sexualisierter Gewalt“ die Rede, denn der Begriff "Gewalt" umfasst im rechtlichen Sinn inzwischen auch Handlungen ohne Gewalt (im bisherigen Sinne). Etwa bei Machtmissbrauch, wenn ein Arzt seinen Patienten unangemessen nah kommt. Solch ein Fall wird in Berlin derzeit untersucht und gelangte an die Öffentlichkeit. Plötzlich ist, was jahrzehntelang unproblematisch schien - ein Küsschen zur Begrüßung, ein Kompliment für gewisse körperliche Größen - ganz offiziell aufgestiegen zur Gewalttat. Immer neue Patienten tauchen als Zeugen auf, fühlen sich - obwohl viele Jahre willig mitgebusselt - missbraucht. Und, der Zeitgeist will es so, wurden es damit auch. Auch hier kam es, wie bei der Kirche, mutmasslich leider auch zu echtem sexuellen Missbrauch (das Verfahren läuft).  

„Ohrfeige“ keine Gewalt

Bei der Kirche wiegen die Vorwürfe nun schwerer. Zum einen, weil sie von Schutzbefohlenen stammen, und zum anderen, weil sie von diesen teils zeitnah mitgeteilt worden waren. Den Vorwürfen wurde aber nicht nachgegangen, offenbar wollte die Kirche die Täter besser schützen als die Opfer. Wasser predigen und Wein trinken also, ist das der eigentliche Skandal? Ja und nein. Wer in den 70er Jahren aufgewachsen ist (einige der Taten stammen sogar aus der Zeit davor), wird sich noch gut daran erinnern, dass der Begriff Gewalt damals grundlegend anders definiert wurde. Vergewaltigung in der Ehe war straffrei. Einem Kind körperliche Gewalt anzutun, es zu „ohrfeigen“, ja es mehrmals kräftigst auf seinen nackten Hintern zu schlagen, oder auch es einzusperren, vielleicht sogar mit einem Pflaster auf dem Mund - das alles galt damals NICHT als Gewalt. Heute undenkbar. Dass „unangemessene Berührungen“ oder gar Blicke jedoch einmal, gesellschaftlich wie strafrechtlich, als „Gewalttaten“ angesehen werden könnten - das war damals undenkbar. 

 

Rainer Maria Kardinal Woelkie

Taten verjährt

„Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“ lautet denn auch der treffendere Begriff, den die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) pauschal für solche Taten verwendet. Hier würden wir im Falle der Kirche von jährlich 13,65 Fällen sprechen. Außerhalb der Kirche gab es bundesweit allein im Jahr 2018 laut der PKS genau 16.833 solcher Fälle. War in der Presse vergleichsweise wenig drüber zu lesen. Hierbei handelt es sich übrigens ebenfalls um angezeigte (!) Taten, mutmassliche also, nicht von Gericht bewiesene! Diesen kleinen aber feinen Unterschied sollten wir, wenn wir’s ernst meinen mit dem Rechtsstaat, auch der katholischen Kirche zugestehen. Das Gutachten hat nicht den Anspruch einer richterlichen Beurteilung. Und in dem Zusammenhang ganz wertfrei erwähnt: Der größte Teil der Tatvorwürfe ist im rechtlichen Sinne lange verjährt, ihre Aufarbeitung ist, obschon unter großem gesellschaftlichen Druck entstanden, eine rein freiwillige der Kirche, keine strafrechtlich relevante. 

Weil das Twitter-Tempo es braucht

Nun höre ich schon die „Täter-Opfer-Umkehr!“ Rufe. Deshalb ganz klar: Jede der 314 mutmasslichen Taten gegen die sexuelle Selbstbestimmung bei der Kirche ist eine zu viel! Und rund die Hälfte der Taten waren, laut dem Gutachten, sexueller Missbrauch oder schwerer sexueller Missbrauch. Hier haben Heranwachsenden schlimme Formen von Gewalt erlitten, ohne Zweifel und ohne jede Relativierung. So etwas ist, gestern wie heute, kaum in irgendeiner Weise zu rechtfertigen oder zu entschuldigen. Die Kirche tut gut daran, das aufzuarbeiten. 

Genau deshalb sollten wir, auch nach meiner Überzeugung, aber die gebotene Sachlichkeit bei der Beurteilung von Tatvorwürfen nicht stetig weiter der Empörung opfern. Nur weil das Twitter-Tempo oder unsere Social-Media-Aufmerksamkeitsucht das so wollen. Aus den Sitzkreisen, die wir als Gesellschaft dann fortlaufend bilden müssten, kämen wir bald kaum noch heraus. Und unsere Gerichte wie Gefängnisse könnten die stets neu definierten Gewalttaten in Jahrzehnten nicht bewältigen. 

Deshalb: Empören wir uns zu Recht über Unrecht! Kehren wir aber bei der rechtlichen Beurteilung zur Besonnenheit zurück. Oder salopp gesagt: Gewalt sollte Gewalt bleiben. 

Herzlichst, 

Gerhard Rahn (Fachanwalt für Strafrecht)

Servicelink: Das Gutachten, ein Überblick

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Fotonachweise: Symbolbild Gewalt von pixabay, Kardinal Woelki