"WAS? Fünf Menschen sterben, und nur ein Jahr auf Bewährung?"

Im Netz gab es die letzten Tage bisschen Aufregung. Weil: Ein Mann, der den Tod von fünf Menschen und zudem viele, teils schwere Verletzungen verursacht hat, wurde lediglich zu einem Jahr Haft verurteilt. Auf Bewährung. „Wie kann das sein“ wurde - nachvollziehbar - gefragt. Und andere, ich sag mal übliche Verdächtige, beschwerten sich reflexartig über unsere „Kuscheljustiz“. In Wahrheit jedoch ist die Meldung ein Beispiel dafür, dass unsere Justiz funktioniert. Und dass es sich oftmals lohnt, genauer hinzusehen. 

Der Angeklagte hatte 17.10.2016 mehrere Explosionen auf dem BASF-Gelände in Ludwigshafen verursacht. Anstelle des vorgesehenen Rohres schnitt er eine gasführende Leitung mit seinem Trennschleifer an. Nie ist ihm vorher, in seiner zehnjährigen Tätigkeit, ein solcher Fehler passiert. Dieser eine Moment aber, den der 63-jährige selbst nur durch Zufall überstand, änderte alles. Leben wurden ausgelöscht, Menschen um ihre Gesundheit gebracht und ganz neben 500 Millionen Euro Sachschaden quasi in Luft aufgelöst. Tragisch. Bitter. 

Auch interessant: "Harte Strafen!" - ich kann es nicht mehr hören! 

Aber muss der Rechtsstaat hierfür grundsätzlich „hart bestrafen“? In dem langwierigen Verfahren wurden monatelang insgesamt neun Sachverständige und 28 Zeugen gehört, 11.000 Aktenseiten waren nötig, um technisch irgendwie begreifbar zu machen, was passiert ist. Am Ende stand dann fest: Hier hat jemand zur falschen Zeit das Falsche getan, ja. Jedoch aus purem Versehen. Kein Vorsatz, ja bereits an der Grenze zur Fahrlässigkeit, wenn es denn weniger geben würde. 

Es liegt in der Natur des Menschen, dass er Sühne will. Die Natur des Rechtsstaates aber ist es, darüber zu urteilen, ob ein Mensch im Sinne des Gesetzes schuldig ist. Das kann, wie hier, extrem mühevoll sein. Auch teuer. Und wenn am Ende dann keine strafrechtliche Schuld festgestellt werden kann, ist es für viele zudem unbefriedigend. Doch wir müssen dann eben das tun, was am vielleicht am Schwersten ist:

Mit einem Unglück leben. 

Rechtsanwalt Gerhard Rahn (Fachanwalt für Strafrecht)   

 

(Landgericht Frankenthal, AZ: 3 KLs 5122 Js 36045/16, Bild: pixabay) 

#Unglück #Unschuld #BASF #HarteStrafen #Kuscheljustiz