Für Anni K. (der ein würdiges Lebensende verweigert wurde)

Was sich die Krankenkasse AOK Plus Ungeheuerliches rausnahm. Oder: Wie ich einen lebenswichtigen Fall gewann. Und am Ende doch verlor

Manche Mitteilungen reißen dich aus dem hektisch Alltagsfluss heraus. Wie ein Strudel, der dich unerwartet aufsaugt und dann irgendwo auf einer Wiese wieder ausspuckt. „Oh, Entschuldigung!“, raunzt der Riesen-Gärtner mit der grünen Schürze neben dir. Der kleine Kollateralschaden scheint ihm unangenehm zu sein. Immerhin. Er packt dich am Schlafittchen, richtet dich wieder auf, tippt dir mit seinem Riesen-Zeigefinger aufmunternd von hinten gegen die Schulter. Nun wird dir richtig schlecht. „Wozu mache ich den ganzen Mist hier eigentlich“, ging es mir gestern durch den Kopf, als ich wieder einmal auf meinem Platz der Wiese gelandet war. Nein, diese Mitteilung hätte ich echt nicht gebraucht. 

Kasse verweigert den Rollstuhl 

Genau vor anderthalb Jahren hatte mich der Enkel von Anni K.* um Hilfe gebeten. Sein Anliegen war so easy, es würde sich nebenbei erledigen lassen, da war ich mir sicher. „Können Sie bitte dafür sorgen, dass die Krankenkasse meiner Oma einen Rollstuhl gibt?“, bat der junge Mann mich. „Klar, haben wir schnell“, antwortete ich. Doch die AOK Plus hatte keine Rollstühle auf Lager, weshalb ein nagelneuer beantragt werden musste. Darauf vertrauend, dass ein Anwaltsbriefkopf hier schnell zum gewünschten Ergebnis führen wird, stellte ich den Antrag. Die Kasse hatte ja alle Daten ihrer Kundin, wusste, dass Frau K. zu dem Zeitpunkt bereits stolze 90 Jahre alt war, und körperlich nicht mehr gut drauf. Es müsste also, so dachte ich, eine Selbstverständlichkeit sein, dass sie den Rollstuhl schnellstmöglich ins Haus bekommt. Oder? 

Nein. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Gründe: Vorgeschoben. Doch warum? Mehr zum Bluff drohte ich mit rechtlichen Schritten. Die Kasse zeigte sich jedoch unbeeindruckt, lies sich tatsächlich ganz entspannt von uns verklagen. Und selbst als das Sozialgericht uns recht gab, das Urteil also zu unseren Gunsten ausfiel, passierte - nichts. Kein Rollstuhl für Anni K., die inzwischen kaum noch aus ihrem Bett, geschweige denn vor die Tür kam. Sie wollte aufgeben, wovon wohl auch die Kasse durch den Arzt Wind bekommen hatte. Mich beschlich ein böser Verdacht. 

Krankenkassen wollen Kosten sparen

„Kann es sein, dass Sie hier auf Zeit spielt?“, fragte ich die Kasse. Mit der Kälte von Kückenselektiererinnen wies man mich einige Male auf Vorgaben hin. Da könne man gar nichts machen, teilte die AOK Plus mir mit, gegen das Urteil müsse Berufung eingelegt werden. 

Ich traute meinen Ohren nicht, tobte vor Wut. Sofort bereitete ich die Schriftsätze an das Landessozialgericht für die zweite Instanz vor, bat darum, das Verfahren zu beschleunigen, weil dieser simple Rollstuhl einer alten Dame ein letztes bisschen Lebensqualität geben würde. So etwas darf doch nicht verweigert werden, im reichen Deutschland. Das Verfahren aber zog sich, unsere Justiz ist überlastet, und auch ich hatte ja noch andere Fälle. Anni K. blieb auf Wiedervorlage liegen, bis zur Verhandlung. 

Die war nun vor wenigen Tage. Erwartungsgemäß bestätigte das Gericht: An der Berufung der Kasse ist nichts dran. Null. Der Rollstuhl muss bewilligt werden, selbstverständlich sogar! In der festen Überzeugung, nach 18 Monaten endlich am Ziel zu sein, gewonnen zu haben, sandte ich den Beschluss der Kasse zu. 

Jeder soll es wissen! 

Dann erhielt ich besagte Mitteilung. Höflich bedankte sich die AOK Plus für die Übermittlung der Unterlagen. Und teilte mir mit, dass der Rollstuhl leider trotzdem nicht ausgeliefert werden könne. Denn Anni K. sei „vor Kurzem verstorben“.

Tja, da saß ich also auf meiner Wiese. Schrie einmal laut. „Das nützt jetzt auch nichts mehr“, hörte ich den Riesen-Gärtner neben mir in seinen Riesen-Bart raunen, „überlege dir lieber, was du das nächsten Mal machst, in solch einem dringenden Fall“. Er bewässerte weiter. Und mir wurde plötzlich klar, weshalb ich hier angespült worden war. Zufall war es nicht. 

„Ich nehme das Honorar, das ich am Fall Anni K. verdient habe, und kaufe einen Rollstuhl“, sagte ich entschlossen. „Und wer den braucht, bekommt ihn dann von mir noch am selben Tag. Und einer Krankenkasse, die so etwas Lebenswichtiges verweigert, mache ich richtig Feuer unterm Hintern!“  Da unterbrach der Riese sein Werk, machte sich gerade. „Glückwunsch“, sagte er inbrünstig. Vorsichtig wurde ich wieder zurück gehoben, in meinen Alltagsfluss. Werte AOK Plus, jeder soll wissen, was Ihr getan habt…

Gerhard Rahn, Fachanwalt für Sozialrecht 

 

(*Name geändert, Landessozialgericht Sachsen, Foto: Pixabay)