Das ist IHRE Meinung, tatsächlich?

Kennen Sie das auch? Sie lesen eine Headline und bums - haben Sie eine Meinung dazu. Die ist dann oft in Sekundenschnelle sogar derart gefestigt, dass andere Ansichten gar nicht mehr gehört oder akzeptiert werden, vom Abrücken der eigenen ganz zu schweigen. Liegt daran, dass mit Headlines (oder Twitter-Tweets) maximale Aufmerksamkeit erzielt werden soll und diese deshalb oft bereits eine Meinung enthalten. Der man sich dann gern anschliesst. Ist ja so schön praktisch. Ein Beispiel, zwei (mögliche) Pressemeldungen:

"Gericht nimmt Vater von drei Kindern berufliche Existenz 

Ein Taxifahrer hat einen Gast wegen Beleidigung des Fahrzeuges verwiesen. Als der Gast sich weigerte, machte der Fahrer von seinem Hausrecht gebrauch. Da er später ein Auto anmietete, das andere Personen für Wohnungseinbrüche nutzten, wurde er im April 2015 für alle Taten zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt, trotz seiner eidesstattlichen Aussage, von den Einbrüchen nichts gewusst zu haben. Aufgrund des Urteils verlängerte die Stadt Koblenz seine Taxigenehmigung nicht. Die Klage dagegen blieb ohne Erfolg, der Vater bleibt arbeitslos."

"Keine Taxigenehmigung nach schwerwiegenden Straftaten

Der Kläger wurde im April 2015 wegen einer vorsätzlichen Körperverletzung eines Fahrgastes in 2011, sowie wegen Wohnungseinbruch mit Diebstahl in drei Fällen zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zwei Jahren auf Bewährung verurteilt. Nachdem die Geltungsdauer der ihm erteilten Taxigenehmigung im Jahr 2015 abgelaufen war, hat die Stadt Mainz seinen Antrag auf Wiedererteilung abgelehnt, da die Taten und die Tätigkeit als Taxifahrer des Klägers zusammenhingen. Die Klage dagegen hat das Verwaltungsgericht nun abgewiesen." 

Derselbe Fall aus zwei Perspektiven, mit teils ergänzten, bzw. teils gestrichenen Informationen. Lesen wir nur eine dieser Mitteilungen, ist unsere Meinung gefällt. Bei zwei oder gar mehreren, sieht das meist schon anders aus. 

Ebenfalls interessant: "Was darf man überhaupt noch sagen?" 

Aufgrund dieses Umstands ist es auch, gelinde gesagt, anmaßend, wenn immer mehr Leute denken, sie wären die besseren Richter. Hierfür haben sie schlicht nicht das Wissen, dies einzusehen ist Stärke, nicht Schwäche. Und diesem Umstand ist es auch geschuldet, dass Debatten derzeit so hochemotional verlaufen, bzw. immer mehr Menschen der Meinung sind, man dürfte seine Meinung gar nicht mehr sagen. Was natürlich nicht stimmt, denn dann haben sie sie ja meist bereits gesagt und laufen noch immer frei herum. Den heftigen, oft hochemotionalen und manchmal auch gänzlich unbegründeten Widerstand („Shitstorm“) empfindet sie aber als zu rüde Zurechtweisung. 

Ja, das ganze Bild sehen zu wollen ist leider aufwendig, mühevoll. Denn hierfür müssen zunächst unseriöse Quellen - also solche, die keine Fakten, sondern Lügen verbreiten - aussortiert werden, sowie Quellen, die unsere rechtsstaatlichen Grundwerte in Frage stellen. Es ist aber vor allem eines: klug. 

Ein Wunsch von uns für 2019: Lernen wir wieder Debatten zu führen, die diesen Namen auch verdienen. Und fangen wir am besten gleich damit an. 

Herzlichst, Ihre

Anwaltskanzlei Gerhard Rahn

Frank Jaspermöller

 

#Meinungsfreiheit #Manipulation #Kretschmer #Debatten #zuhören 

(Den fiktiven Pressemitteilungen liegt ein Fall des Oberverwaltungsgerichts Koblenz zugrunde, AZ 7 A 10357/18, Grafik: Pixabay)